Unser Dorf muss dichter werden
Mehr Leben, weniger Fläche – warum wir auf dem Land anders bauen müssen
Teil 1 der Serie „Unser Dorf muss dichter werden“
Das Wohnen auf dem Land steht vor großen Herausforderungen. Klimaschutz, demografischer Wandel, steigende Bau- und Energiekosten sowie der soziale Zusammenhalt hängen viel stärker mit der Art und Weise zusammen, wie und wo wir leben, als uns oft bewusst ist. Und das gilt nicht nur für Städte. Gerade ländliche Regionen spüren diese Entwicklungen inzwischen sehr deutlich.
Dieser Beitrag eröffnet eine mehrteilige Serie darüber, wie Dörfer und kleine Städte diese Herausforderungen den Wandel aktiv gestalten und zu ihrem Vorteil nutzen können. Es soll darum gehen, wie (dichteres) Bauen eine zentrale Rolle dabei spielen kann und wie dabei gut geplante Quartiere mehr Lebensqualität für alle schaffen können.
Warum das Einfamilienhaus zum Problem wird
Jahrzehntelang war das freistehende Einfamilienhaus mit großem Garten das Idealbild vom Wohnen auf dem Land. Neuer Wohnraum entstand fast ausschließlich durch neue Einfamilienhausgebiete am Rand der Ortschaften. Das dies nicht nur Vorteile brachte, wird vor dem Hintergrund der oben genannten Herausforderungen immer deutlicher. Viele ursprüngliche Qualitäten des ländlichen Wohnens sind im Laufe dieser Entwicklung verloren gegangen. Bürger und Kommunen sind daher auf der Suche nach Wegen, mit denen die Ortschaften (wieder)belebt werden und gleichzeitig bezahlbarer und attraktiver Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen geschaffen werden kann.
Ein Teil der Lösung ist die Abkehr von der Erschließung immer weiterer Einfamilienhausgebiete an den Ortsrändern hin zur Entwicklung kompakter, hochwertiger Quartiere, die vielfältige Wohnformen bieten und darüber hinaus Raum für alltägliche Begegnung, gemeinschaftliche Aktivitäten und wohnortnahe Infrastrukturen ermöglichen. Dies bezieht sich sowohl auf den Neubau als auch auf den Umbau bestehender Siedlungen und Quartiere.
So kann nicht nur zeitgemäßer attraktiver(er) Wohnraum geschaffen werden, sondern gleichzeitig ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und Stärkung ländlicher Gemeinden geleistet werden.
Nachhaltig, verdichtet und trotzdem dörflich – ein Widerspruch? Keineswegs!
Es gibt bereits viele Projekte in denen Kommunen zeigen, wie sich moderne Wohnformen sensibel in gewachsene Strukturen einfügen lassen.
Diese Artikelserie gibt einen Überblick über den insbesondere für den ländlichen Raum vielversprechenden Lösungsansatz der "horizontalen Verdichtung”. Zunächst erfolgt hier eine kurze Übersicht zur Problemlage und der Frage, warum es neue Ideen zum ländlichen Wohnen braucht. Im Anschluss werden in weiteren Artikeln das Konzept der horizontalen Verdichtung erläutert und die Umsetzung anhand von Best-Practise-Beispielen vorgestellt. Im Anschluss soll die Frage beantwortet werden, welche Hemmnisse einer Umsetzung entgegenstehen und wie sich diese überwinden lassen.
Eine Wohnform mit Risiken und Nebenwirkungen
Das freistehende Einfamilienhaus bietet viele Vorteile und ist daher die bevorzugte Wohnform der Deutschen (4). Gleichzeitig wird aber immer deutlicher, dass das Wohnen in aufgelockerten Einfamilienhausgebieten auch mit Nachteilen, insbesondere für die Allgemeinheit, verbunden ist und das Einfamilienhaus ein Teil der aktuellen Probleme am Wohnungsmarkt ist.
Für Ostfriesland hat dieses Thema besondere Relevanz. Der Wohnungsbestand in Deutschland besteht zu rund ⅓ aus Einfamilienhäusern (1) in Ostfriesland liegt dieser Anteil bei rd. 80%. Die Landkreise Aurich 86,1% und Leer 85,9% haben deutschlandweit den höchsten Anteil an (freistehenden) Einfamilienhäusern am Wohnungsbestand (2).
Auch wenn dieser Anteil im ländlichen Raum grundsätzlich höher ist als in dichter bebauten Städten, zeigt ein Blick in die benachbarten Niederlande in denen dieser Anteil bei lediglich 21% (3) liegt, dass es sich bei dieser bauweise nicht um ein Naturgesetz handelt, sondern um eine bewusste planerische Entscheidung.
Aus ökologischer Sicht verbrauchen die Gebäude und die zugehörige Infrastruktur im Verhältnis zu der Anzahl an Wohneinheiten viel Fläche. In der Regel sind damit lange Wege zum Arbeitsplatz und Einrichtungen des täglichen Bedarfs wie Supermärkten, Kindergärten etc. verbunden. Die offene Bauweise führt zudem dazu, dass der Energieverbrauch bzw. der Aufwand diesen zu reduzieren im Vergleich zu anderen Wohnformen sehr hoch ist und es gleichzeitig aufwändig ist, diese Energie (Gas, Fern-/Nahwärme) in die Gebäude zu transportieren (5).
Ökonomisch ist zu bedenken, dass die Kosten zur Errichtung und Unterhaltung eines freistehenden Einfamilienhauses im Verhältnis zum geschaffenen Wohnraum sehr hoch sind und die Bau- und Finanzierungskosten hierfür insbesondere in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind. Im ländlichen Raum wird dieser Effekt durch geringere Grundstückspreise abgemildert. Aber auch hier führen gestiegene Baukosten dazu, dass sich immer weniger Menschen die Errichtung oder Sanierung eines solchen Gebäudes leisten können.
Hinzukommen die Kosten zur Erschließung der Grundstücke mit Verkehrsflächen und den erforderlichen Ver- und Entsorgungsleitungen. Die erstmalige Erschließung wird dabei in der Regel durch die Erwerber der Baugrundstücke übernommen. Die folgende Unterhaltung stellt die zuständigen Kommunen jedoch vor immer größere Herausforderungen (6).
Die Erschließung immer weiterer einheitlicher Einfamilienhausgebiete an den Ortsrändern führt zudem dazu, dass die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung in den Ortskernen und auch älteren Siedlungen gebremst wird. Diese Entwicklung wird als “Donut-Effekt” bezeichnet. Um diese Entwicklung zu verhindern, versucht man heute wieder, neue Siedlungen in die bestehenden Strukturen einzubinden und durch vielfältige Wohnformen einen Wechsel zwischen neuen und alten Ortsteilen zu unterstützen (7).
Denn auch im Hinblick auf soziale Zusammenhänge stellen Einfamilienhäuser insbesondere im Rahmen von einheitlichen Siedlungen ihre Bewohner und die Gesellschaft vor Herausforderungen.
Wie der Name bereits verdeutlicht, ist diese Wohnform auf die klassische Kleinfamilie zugeschnitten. In der Regel handelt es sich um sehr individuelle, auf die ursprünglichen Erbauer und ihre damalige Lebenssituation zugeschnittenen Wohnungen. Alleinstehende, Großfamilien, Ältere oder auch Mehrgenerationenprojekte finden hier nur durch Kompromisse passenden Wohnraum. Insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird dies zunehmend zu einem Problem für die Eigentümer und ihr Umfeld.
Ein klassisches Fallbeispiel hierzu ist die alleinstehende ältere Dame in einem viel zu großen Haus. Da sie nur noch eingeschränkt mobil ist, fällt es ihr immer schwerer, das Haus und den zugehörigen Garten zu unterhalten. Das Schlafzimmer hat sie in das Erdgeschoss verlegt, da sie auch mit dem Treppensteigen zunehmend Probleme hat. Ein Verkauf des Hauses wäre aber aufgrund der notwendigen Sanierung nur mit erheblichen Abschlägen möglich. Eine altersgerechte Wohnung ist in der Umgebung nicht vorhanden. Sie könnte sich diese von dem Erlös des Hausverkaufs auch nur bedingt leisten. Für Besorgungen oder Arztbesuche ist sie auf die Hilfe der Familie angewiesen.
Die in diesem überspitzten Beispiel beschriebene Lebenssituation kommt vermutlich jedem zumindest teilweise bekannt vor. Mobilitätseinschränkungen und das Angewiesensein auf Hilfe von außen sind bis zu einem gewissen Grad normale Begleiterscheinungen des Älterwerdens. Die Wohnsituation der älteren Dame führt jedoch zu einer Verschärfung dieser Probleme. Wenn es in ihrer Siedlung statt großer Privatgärten einen zentralen kleinen Park geben würde, wäre die Unterhaltung des Grundstücks zumindest erleichtert. Ihre Kinder hätten auch dort ausreichend Platz zum Spielen gehabt und heute könnte sie dort wohnortnah einen kleinen Spaziergang machen und auf Nachbarn und spielende Kinder der Enkelgeneration treffen. Wenn es in der Siedlung der alten Dame bereits während der Erbauung auch kleinere Wohnungen gegeben hätte, wäre der Schritt zu einem Umzug leichter gefallen und sie wäre vielleicht schon früher umgezogen.
Diese Beispiele könnte man beliebig weiter ausführen. Deutlich wird, dass Wohnen insbesondere in der Form des freistehenden Einfamilienhauses Teil großer gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen ist. Obwohl es sich, aus nachvollziehbaren Gründen, um die beliebteste Wohnform handelt, müssen wir Lösungen für die aufgezeigten Probleme entwickeln, die den Wunsch nach Individualität respektieren aber gleichzeitig verhindern, dass die ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen für Bewohner und Kommunen immer größer werden.
Die beschriebenen Zusammenhänge zeigen: Die aktuellen Herausforderungen auf dem Land sind nicht das Ergebnis persönlicher Wohnwünsche, sondern struktureller Entwicklungen. Dörfer und kleine Städte stehen vor der Aufgabe, attraktive Wohnformen zu schaffen, die gleichzeitig sozial, ökologisch und ökonomisch tragfähig bleiben.
In Teil 2 der Serie geht es daher um die zentrale Frage:
Was genau bedeutet „horizontale Verdichtung“ – und warum ist sie besonders für ländliche Regionen eine überzeugende Alternative zum klassischen Einfamilienhaus?
Quellen:
2 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/02/PD21_N015_44.html
3 https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?oldid=498780&utm
5 https://www.heizspiegel.de/heizkosten-pruefen/heizspiegel/
7 https://www.bundesstiftung-baukultur.de/magazin/detail/kurzfilm-der-donut-effekt