Von Dänemark bis England: Wie kleine Gemeinden Wohnraum schaffen – ohne ihren Charakter zu verlieren
Vier Beispiele für horizontale Verdichtung im ländlichen Kontext
(Teil 3 der Serie „Unser Dorf muss dichter werden“)
Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Unser Dorf muss dichter werden“. Nachdem im vorherigen Teil das Konzept der horizontalen Verdichtung erläutert wurde, richtet sich der Blick nun auf die Praxis. Denn die entscheidende Frage lautet: Funktioniert dieses Modell auch außerhalb von Theorie und Leitbildern?
Einordnung
Neue Wohnformen werden oft skeptisch betrachtet – gerade im ländlichen Raum. Abstrakte Konzepte überzeugen selten, konkrete Beispiele dagegen schon. Deshalb werden im Folgenden mehrere realisierte Projekte vorgestellt, die zeigen, wie horizontale Verdichtung in unterschiedlichen Kontexten umgesetzt wurde.
Die Beispiele stammen aus Dänemark, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Sie unterscheiden sich in Größe, Trägerschaft und Zielgruppe, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: mehr Wohnraum auf weniger Fläche zu schaffen, ohne die Qualitäten des ländlichen Wohnens zu verlieren.
„Poulsgaarde“, Tjörring, Dänemark
Visualisierung “Masterplan Poulsgaarde” / Quelle : Sweco Architects
Poulsgaarde ist ein in Planung befindliches Wohngebiet mit 270 Wohneinheiten in Tjörring, einem Ort mit 6.000 Einwohnern in der Gemeinde Herning in Mitteljütland, Dänemark.
“Masterplan Poulsgaarde” / Quelle : Sweco Architects
Die Ortsentwicklung von Tjörring erfolgte in der Vergangenheit vor allem durch Einfamilienhausgebiete, die entlang der Straße in das nahegelegene Gemeindezentrum Herning (50.000 EW) angesiedelt wurden. Der Ort entwickelte sich dadurch immer mehr zu einer "Schlafstadt", die, bis auf wenige Ausnahmen, ausschließlich aus Einfamilienhäusern und einigen Gewerbebetrieben entlang der Hauptstraße besteht.
In “Poulsgaarde” liegt der Fokus daher darauf, den Ort zu beleben und alte und neue Einwohner zusammenzubringen. Der öffentliche Raum soll attraktiver gestaltet werden, um Nachbarschaften und das Miteinander im Ort zu stärken.
Statt Einfamilienhäuser an langen Straßen anzuordnen, sollen in Poulsgaarde einzelne “Höfe” entstehen, in denen mehrere Reihen-, Doppel- und Mehrparteienhäuser zusammengefasst werden. In diesen Höfen rücken nicht nur die Gebäude enger zusammen, auch die Bewohner erhalten so einen gemeinsamen Treffpunkt und Identifikationsort. Der durch diese Bauweise freiwerdende öffentliche Raum wird zur Anlage einer weitläufigen Erholungslandschaft genutzt, die zum Spielen, Spazierengehen oder Sport genutzt werden kann.
Skizze “Wohnhof in Poulsgaarde” / Quelle : Sweco Architects
Zum Parken stehen zentrale Parkplätze in den einzelnen Höfen zur Verfügung. Auf den privaten Grundstücken und im übrigen Straßenraum werden daher keine Auffahrten, Parkplätze oder Garagen benötigt.
An zentralen Punkten in der Siedlung befinden sich gemeinschaftlich genutzte Einrichtungen wie Werkstätten oder Versammlungsräume
Es entsteht so eine Wohnsiedlung die zwar deutlich Dichter als die bisher im Ort übliche Bauweise ist, aber gleichzeitig wichtige Qualitäten des ländlichen Wohnens bewahrt.
Wichtige Erkenntnisse:
Wohnen auf dem Land ist mit bestimmten Qualitäten verbunden, z.B. der Möglichkeit, Natur vor der eigenen Haustür zu erleben. Für die Akzeptanz verdichteten Bauens auf dem Land ist es wichtig, diese Qualitäten zu berücksichtigen und, wie im Beispiel Poulsgaarde, besonders hervorzuheben.
Der motorisierte Individualverkehr spielt auf dem Land nach wie vor eine große Rolle. Trotz der Bemühungen, Alternativen zu entwickeln, ist es daher erforderlich, private PKW ausreichend zu berücksichtigen und, anders als im städtischen Kontext, angemessene Stellflächen und die Erreichbarkeit der einzelnen Wohneinheiten zu gewährleisten.
Neue Wohnsiedlungen können und sollten auch direkte positive Effekte für die Einwohner der umliegenden bestehenden Siedlungen bieten. Im Fall von Poulsgaarde sind dies die großzügigen öffentlichen Grünflächen, die von allen Bewohnern Tjörrings genutzt werden können.
“Sieben-Höfe-Straße” Derendingen, Baden-Württemberg
Masterplan “Sieben-Höfe-Straße” / Quelle: Vandkunsten
Derendingen ist ein dörflich geprägter Ortsteil von Tübingen mit rd. 6.500 Einwohnern.
Bestand “Sieben-Höfe-Straße” / Quelle: Südwestpresse/Grohe
Auf einem rd. 1ha großen zentrumsnahen Grundstück befindet sich eine 1970 errichtete Wohnanlage der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GWG. Eine Modernisierung und Sanierung der Flachdachgebäude wäre nur mit großen Kompromissen möglich. Es hat sich zudem gezeigt, dass die mangelhafte städtebauliche Einbindung der Anlage zu Problemen führt.
Die GWG plant daher, die Wohnanlage durch ein neues Wohnquartier zu ersetzen. Dieses soll ein größeres und vielfältigeres Wohnungsangebot bieten und zudem besser in den Ort integriert werden.
Im Rahmen eines 2020 durchgeführten städtebaulichen Wettbewerbs wurde der Entwurf des dänischen Büros Vandkunsten zur Realisierung ausgewählt.
Masterplan “Sieben-Höfe-Straße” / Quelle: Vandkunsten
Der Entwurf sieht die Errichtung von insgesamt 145 Miet- und Eigentumswohnungen in mehreren in die Umgebung integrierten Mehrparteienhäuser vor . Die Architektur orientiert sich dabei an den für Derendingen typischen Hofgebäuden und überträgt diese in eine zeitgemäße Form.
Das Quartier wird durch eine im Zentrum verlaufende autofreie “Dorfstraße” erschlossen, die an drei Seiten in die Umgebung fortgeführt wird. Im Unterschied zur bisherigen Bebauung bietet das neue Quartier Wohnungen in unterschiedlichen Größen und Preisrahmen und trägt so zu einer Diversifizierung der Bewohnerschaft und sozialen Einbindung in den Ort bei.
Wichtige Erkenntnisse:
Soziale Integration schafft Akzeptanz: Neben der städtebaulichen Integration in die Umgebung ist auch die soziale Integration in die bestehende Ortschaft ein wichtiger Aspekt der (Nach-)Verdichtung. Das Beispiel “Sieben-Höfe-Straße” zeigt, dass eine dichte Bebauung mit Mehrparteienhäusern und gleich strukturierten (Miet-)Wohnungen einen großen, auch sozialen, Kontrast zu einer durch Eigentum und Einfamilienhäusern geprägten Umgebung führen kann. Der Entwurf sieht daher eine Diversifizierung des Wohnungsangebotes vor um, neben anderen Aspekten, einen Anschluss an die umliegenden Bewohner Derendingens zu ermöglichen. Diese sind damit auch Zielgruppe des Wohnungsangebotes und tragen so zu einer Integration der neu zugezogenen Bewohner bei.
Lokale Architektur als Identifikationspunkt: Zur städtebaulichen Integration nimmt der Entwurf das Bild des ortstypischen Hofes auf und überträgt diese Elemente in eine zeitgemäße Form. Es entsteht so nicht nur eine optische Integrität, sondern auch ein Zugehörigkeitsgefühl bei Bewohnern und Außenstehenden.
Gute gestaltete Freiräume organisieren das Miteinander: Die Freiräume innerhalb des neuen Quartiers sind in öffentliche, private und sog. halböffentliche Räume strukturiert. Dies wird in der Örtlichkeit durch die Verwendung unterschiedlicher Materialien und Ausstattung deutlich gemacht. Durch halböffentlichen Raum entsteht eine Zwischenzone, die vor allem der Begegnung innerhalb der Nachbarschaft dient. Wer sich hier aufhält, merkt deutlich, dass er sich nicht mehr im frei zugänglichen Straßenraum befindet, sondern sich im gemeinsamen Privatraum der Nachbarschaft bewegt. Diese Flächen fördern die Kommunikation und Identifikation der Bewohner und tragen gleichzeitig zum Schutz der im Verhältnis kleinen privaten Freiräume bei.
Inholm, Northstowe, Cambridge
Masterplan “Inholm” / Procter&Matthews Architects
Northstowe ist eine der größten neuen Siedlungsentwicklungen in Großbritannien. Geplant als nachhaltige, moderne Stadt für bis zu 25.000 Einwohner, entsteht sie auf einer ehemaligen Militärbasis nördlich von Cambridge. Das Projekt verfolgt das Ziel, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen und dabei hohe ökologische, soziale und städtebauliche Standards zu erfüllen. Die Siedlung wird in mehreren Phasen entwickelt, mit einem starken Fokus auf nachhaltige Mobilität, energieeffizientes Bauen und die Förderung von Gemeinschaftsleben.
Inholm ist ein zentraler Baustein dieser Entwicklung und stellt Englands größte modulare Wohnsiedlung dar. Entwickelt von Urban Splash, einem britischen Immobilienentwickler, der sich auf die Transformation und Neugestaltung von Wohnquartieren spezialisiert hat, setzt das Projekt auf vorgefertigte, modulare Häuser, die in einer Fabrik produziert und vor Ort montiert werden. Dies reduziert Bauzeit, Kosten und Materialverschwendung und trägt zu einer nachhaltigeren Bauweise bei.
Das Quartier umfasst insgesamt 406 Wohneinheiten, die auf einer Fläche von rund 8 Hektar realisiert werden. Die modulare Bauweise ermöglicht eine schnelle Fertigung und flexible Grundrisse, sodass die Gebäude langfristig an die Bedürfnisse der Bewohner angepasst werden können.
Townhouse in Inholm / UrbanSplash
Die Wohngebäude in Inholm sind als Reihenhäuser, Townhouses und gestapelte Maisonettes organisiert. Die modulare Bauweise erlaubt eine hohe Flexibilität in der Gestaltung der Wohnräume. Bewohner können zwischen verschiedenen Grundrissen wählen, und die Häuser lassen sich über die Jahre hinweg an veränderte Bedürfnisse anpassen. Ein zentrales Gestaltungsmerkmal ist die großzügige Verglasung der Gebäude, die für lichtdurchflutete Innenräume sorgt und gleichzeitig einen engen Bezug zur Umgebung herstellt.
Im Sinne einer nachhaltigen Quartiersentwicklung wurde Inholm als autoarmes Viertel konzipiert. Die Siedlung ist über den Cambridgeshire Guided Busway an Cambridge und London angebunden. Innerhalb des Quartiers gibt es ein gut ausgebautes Netz an Fuß- und Radwegen. Private Stellplätze sind in zentralen Parkzonen untergebracht, wodurch die Wohnstraßen selbst weitgehend autofrei bleiben.
Ein weiteres zentrales Element des Projekts sind die soziale Interaktion und das gemeinschaftliche Leben. Die Siedlung bietet zahlreiche Gemeinschaftsflächen, darunter Parks, Wasserflächen und ein Outdoor-Fitnessstudio. Die öffentlichen Räume sind so gestaltet, dass sie den Austausch zwischen den Bewohnern fördern und eine hohe Aufenthaltsqualität bieten. Schulen und Nahversorgungseinrichtungen befinden sich in direkter Nähe, sodass auch die Infrastruktur an den Bedürfnissen einer wachsenden und vielfältigen Nachbarschaft ausgerichtet ist.
Wichtige Erkenntnisse
Modulares Bauen als Zukunftsmodell: Die modulare Bauweise erlaubt eine hohe Flexibilität und schnelle Realisierung neuer Wohnquartiere. Die in Inholm errichteten Gebäude zeigen, dass trotz Kostenreduzierung hochwertiger Wohnraum mit attraktiver Gestaltung und Wohnqualität geschaffen werden kann.
Autofreie Quartiersgestaltung: Die autofreie Gestaltung innerhalb des Quartiers trägt zu einer hohen Wohnqualität bei, erfordert jedoch eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sowie alternative Mobilitätsangebote.
Dichte und Individualität im Einklang: Durch die Kombination aus Reihenhäusern und gestapelten Wohneinheiten gelingt es, eine hohe Dichte zu erzielen, ohne dass die Individualität der Wohnhäuser verloren geht. Dies könnte als Vorbild für ähnliche Entwicklungen in ländlichen Kontexten dienen.
Freiraum als sozialer Begegnungsort: Der Fokus auf Gemeinschaftsräume zeigt, wie durch durchdachte Freiraumgestaltung die nachbarschaftliche Interaktion gefördert werden kann – ein zentrales Element für eine funktionierende soziale Infrastruktur.
Mit Inholm setzt Urban Splash ein Zeichen für innovatives und nachhaltiges Wohnen, das sich sowohl an ökologischen als auch an sozialen und ökonomischen Prinzipien orientiert.
Buurtschap “De Gast”, Zuidhorn
Buurtschap “De Gast” / Unie Architecten
Die Buurtschap (ndl. Nachbarschaft) De Gast in Zuidhorn westlich von Groningen ist ein kleines Wohnquartier aus 12 Reihenhäusern und einer gemeinschaftlich genutzten “Scheune”.
Buurtschap “De Gast” / Unie Architecten
Das Projekt wurde 2023 im Rahmen einer sogenannten CPO (Collectief Particulier Opdrachtgeverschap) realisiert. Die niederländische CPO ist in etwa vergleichbar mit den in Deutschland bekannten Baugruppen, in denen mehrere Bauwillige ein gemeinsames Projekt umsetzen und dabei in Form der Baugruppe bspw. als Auftraggeber für Architekten und Bauunternehmen auftreten.
Der Fokus dieses Projektes liegt auf Nachhaltigkeit und gemeinschaftlichem Wohnen.
Die Eingangsbereiche der Häuser liegen an einem gemeinsamen Wohnhof, der als Garten und Treffpunkt genutzt wird. In Richtung der Zufahrtstraße befindet sich die ebenfalls gemeinsam genutzte "Scheune", in der sich ein Versammlungsraum und eine Gästewohnung sowie Lagerraum für Fahrräder und Gartenwerkzeuge befinden.
Auf der Rückseite der Gebäude befinden sich private Terrassen, die auf das große naturbelassene Grundstück führen.
Wichtige Erkenntnisse:
Baugruppen bieten die Möglichkeit, individuell und kostensparend zu Bauen. Alle Wohnungen im Projekt “De Gast” wurden gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnern geplant und an die individuellen Anforderungen angepasst. Durch die geteilten Kosten und Skaleneffekte konnten wesentliche Einsparungen erzielt werden und trotzdem hochwertig und individuell gebaut werden.
Gemeinschaftliche genutzte Werkstätten und Gästewohnungen als Vorteil. Durch die gemeinsam genutzten Räume werden Fläche und Kosten in den einzelnen Wohnungen eingespart. Gleichzeitig ist es möglich, durch die Aufteilung der Kosten hochwertige Gästewohnungen, Werkstätten oder Versammlungsräume zu bauen und zu unterhalten.
Klare Abgrenzung zwischen gemeinschaftlichen und privaten Bereichen. Auch in kleinen Nachbarschaften ist die klare Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum ein wichtiger Faktor. Durch den Wohnhof wird gemeinschaftliches Wohnen möglich und gefördert. Gleichzeitig bietet die Orientierung der Wohnräume und Terrassen auf die andere Seite der Gebäude die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und die eigene Privatsphäre zu schützen.
Die vorgestellten Projekte zeigen, dass horizontale Verdichtung in sehr unterschiedlichen Kontexten funktionieren kann – im Dorf ebenso wie in der kleinen Stadt. Trotz aller Unterschiede lassen sich wiederkehrende Prinzipien erkennen: die Bedeutung gemeinschaftlich nutzbarer Freiräume, eine klare räumliche Ordnung, maßstäbliche Architektur und Wohnformen, die sowohl individuelle Bedürfnisse als auch das Gemeinwohl berücksichtigen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Qualitäten nicht zufällig entstehen. Sie sind das Ergebnis bewusster Entscheidungen, klarer Zielsetzungen und einer aktiven Rolle der Kommunen im Planungsprozess. Gute Beispiele allein reichen nicht aus – entscheidend ist, wie diese Erkenntnisse in die tägliche Planungspraxis übersetzt werden.
Im nächsten Beitrag der Serie werden daher konkrete Handlungsempfehlungen formuliert:
Was können Dörfer und kleine Städte tun, um dichteres Wohnen qualitätsvoll zu ermöglichen?
Welche Rolle spielen Leitbilder, Verfahren und Baukultur?
Teil 4: Besser bauen auf dem Land – Handlungsempfehlungen für Dörfer und kleine Städte.